ZUR GESCHICHTE DER SUDETENDEUTSCHEN ZEITUNG
"Heimatbriefe" als Vorläufer der Vertriebenenpresse
Die
seit 1948 in Westdeutschland erscheinenden „Heimatbriefe" hatten
anfänglich weitgehend den Charakter von Rundschreiben. Sie reichten von
einfachen hektographierten Adress-Sammlungen bis hin zu Blättern, die
Gültigkeit für ganze Heimatlandschaften beanspruchten. Zumeist waren
sie das Verdienst vertriebener Pfarrern, Lehrer oder Zeitungsleute, die
den Kontakt zwischen ihren früheren Gemeindemitgliedern bzw. Nachbarn
und Verwandten vor dem Zerreißen bewahren wollten. Die "Heimatbriefe"
wurden meist unter kirchlichem Dach herausgegeben, weshalb sie nicht
unter die Lizenzpflicht der Besatzungsmächte fielen. Die meisten dieser
Periodika bestanden nur wenige Jahre, einige aber expandierten und
übernahmen die Funktion von Heimatzeitungen. Andere wiederum gingen
später in größeren Blättern auf.
Die ersten sudetendeutschen Verbands-Sprachrohre: "Sudetenland – Heimatland" und "Der Sudetendeutsche"
Die
erste sudetendeutsche Vertriebenenzeitung erschien am 1. Oktober 1948
in Detmold und somit in der britischen Besatzungszone unter dem Namen "Sudetenland - Heimatland". Einem lokalen Zusammenschluss von – im
Zeitungswesen allerdings unerfahrenen – Heimatvertriebenen war es
gelungen, hierfür eine Lizenz zu erhalten. Das Halbmonatsblatt
gliederte bald mehrere "Heimatbriefe" als Beilagen ein und erhielt
durch die bayerische Landesgruppe der sudetendeutschen Landsmannschaft
personelle Unterstützung. Die Auflage betrug zum Jahresbeginn 1949
3.000 Exemplare, so daß zu einer wöchentlichen Erscheinungsweise
übergegangen werden konnte.
Seit Juli 1949 erwuchs mit dem in
Lübeck (später in Hamburg) erscheinenden Titel "Der Sudetendeutsche" ein Konkurrenzblatt. Dieses übernahm das Detmolder
"Sudetenland-Heimatland" im Mai 1950. Am 29./30. Juli 1950 wurde "Der
Sudetendeutsche" in Würzburg durch die Hauptverbandstagung der
Sudetendeutschen Landsmannschaft als offizielles Organ anerkannt. Dem
"Sudetendeutschen" eröffnete sich nun auch der süddeutsche Käuferkreis,
so daß 1950 eine Auflage von 30.000 erreicht wurde. Gerade in Bayern
war schließlich Mehrheit der vertriebenen Sudetendeutschen gestrandet.
Jedoch
konnte die damals vor allem in Bayern aktive Landsmannschaft nicht in
gewünschtem Maße auf die im entfernten Hamburg ansässige Zeitung
nehmen. Der Verband distanzierte sich daher schnell wieder vom
"Sudetendeutschen" und machte die im Frühjahr desselben Jahres neu ins
Leben gerufene „Sudetendeutsche Zeitung“ zu seinem Sprachrohr. "Der
Sudetendeutsche", der dadurch viele Leser verlor, führte in den
Folgejahren ein Kümmerdasein. 1958 kaufte Georg von Waldburg zu Zeil
das Blatt auf, legte es still und verleibte den Titel der "Sudetendeutschen
Verlagsgesellschaft mbH" ein. 1963 gingen die Rechte an "Der Sudetendeutsche" käuflich an die "Deutsche National-Zeitung" über - und damit an das Sprachrohr der politisch extrem rechts stehenden DVU.
Gründung und Entwicklung der Sudetendeutschen Zeitung
Nachdem
in der amerikanischen Besatzungszone seit 1947 landsmannschaftliche
Zusammenschlüsse auf Kreisebene erlaubt waren, kam es 1949 zur Gründung
einer bayerischen Landesgruppe und 1950 zur Einrichtung eines
Bundesverbandes. Beide hatten ihre Geschäftsstellen in München. Da man
eine allzu starke Regionalisierung vermeiden wollte und stattdessen
eine bundesdeutsche landsmannschaftliche Entwicklung anstrebte, war ein
zentrales Presseorgan erwünscht.
Unter Mitwirkung des
Bundesministers und Landsmannschafts-Vertreters Hans-Christoph Seebohm
(1903-1967, Amtszeit 1949-1966) kam es Anfang 1951 zur Verlagsgründung
in Bayreuth ("Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft", seit September 1951
als Gesellschaft m.b.H.). Dabei konnte auf einer bereits in Bayreuth
existierenden Vertriebenenzeitung namens "Heimatruf" aufgebaut werden.
Teilhaber des neuen Verlags waren Herbert Tusch (Verleger), Arthur
Zechel (Journalist), Erich Richter (Unternehmer) und Harry Nerad
(Verbandsvertreter). Alle waren selbst sudetendeutscher Herkunft. 1952
wurde die Verlagsgesellschaft von Bayreuth in die Landeshauptstadt
verlegt; seit dem 3. Mai 1952 erschien die Zeitung beim Münchner
Zeitungsverlag in der Bayerstraße. Erster Chefredakteur war Arthur
Zechel, der seit 1953 durch Harry Nerad vertreten wurde; auf diesen
folgte Lothar Foltinek (amtierte 1954-1966).
1953 ersetzten
Constantin Prinz zu Hohenlohe-Langenburg (1893- 1973) und Rudolf
Lodgman von Auen (1877-1962, Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen
1950-1959) zwei der bisherigen Verlagseigner. Um die wegen
Anzeigenmangels stets unterfinanzierte Zeitung zu stabilisieren,
erfolgte 1955 die Gründung einer neuen Verlagsgesellschaft namens
"Fides". Diese übernahm 75 Prozent der "Sudetendeutschen
Verlagsgesellschaft". Gesellschafter waren Johannes Prinz zu
Löwenstein-Wertheim-Rosenberg (1919-2000), Fürst Georg von Waldburg zu
Zeil (geb. 1928) und Max Egon Prinz zu Fürstenberg (1896-1959). Die
übrigen 25 Prozent gehörten Rudolf Lodgman von Auen und dem Prinzen zu
Hohenlohe-Langenburg. Im Jahr 1956 wurde die "Sudetendeutsche Zeitung",
die bislang lediglich das Sprachrohr der Sudetendeutschen
Landsmannschaft war, zum offiziellen Organ des Verbands erklärt.
1958
wurde Rudolf Lodgman von Auen Alleineigentümer des Verlages. 1960
brachte er diesen in die eigens zu diesem Zweck in Stuttgart gegründete
Rudolf-Lodgman-Stiftung ein. Die Stiftung verkaufte die "Fides
Verlags-Gesellschaft mbH" zwischen 1972 und 1975 an den Bundesverband
der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der seither einziger Eigentümer
ist. In diesem Zuge erfolgte die bis heute gültige Umbenennung in
"Sudetendeutsche Verlagsgesellschaft mbH".
Erscheinungsweise & Auflagezahlen
Die
Zeitung erscheint seit Frühjahr 1951 als Wochenzeitung und hat in der
Regel einen Umfang von 12 Seiten. Die Auflagehöhe betrug 1953 noch
46.000 Exemplare, 1960 waren es nurmehr 25.000. Aktuelle Zahlen sind
nicht bekannt.
Inhalte & Quellenwert
Die
"Sudetendeutsche Zeitung" war von Beginn an als Tendenzzeitung
konzipiert. Sie war daher ein Mittel, um die landsmannschaftliche
Forderung nach Recht auf Heimat und Selbstbestimmung für alle Gruppen
von heimatvertriebenen deutschen Volksgruppen, besonders aber für die
Deutschen aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien, vorzutragen.
Das
Blatt berichtete während seiner frühen Jahre naturgemäß vor allem über
die Maßnahmen, die Staat und Gesellschaft zur Integration der
Flüchtlinge und zur Behandlung der Sudetendeutschen Frage ergriffen.
Besonders viel Raum nahmen Lastenausgleich, Renten- und
Versorgungsfragen ein. Bald wurde die Seite 4 zum angestammten Druckort
für die sozialpolitischen Forderungen der Sudetendeutschen. Wichtige
Themen waren außerdem die Entwicklung der Landsmannschaft und der
Vertriebenenpartei BHE, das Verhältnis zwischen Alt- und Neubürgern und
die Situation der arbeitssuchenden Sudetendeutschen (insbesondere der
landlosen Bauern) und der entwurzelten Jugend.
Daneben
informierte und informiert die Zeitung über aktuelle politische
Entwicklungen in Deutschland, der tschechischen Republik und Europa sowie
über sudetendeutsche Aktivitäten aller Art (heimatpolitisch, kulturell,
landeskundlich, wissenschaftlich u.a.). Auch dient das Blatt als
innerverbandliches Kommunikationsorgan. Mit der Entwicklung der
deutsch-tschechischen Beziehungen und den politischen Maßnahmen, die zu
diesem Thema von Prag und Berlin, München und Wien, Straßburg und
Brüssel ausgehen, beschäftigt sich die "Sudetendeutsche Zeitung"
intensiv. Auch in der tschechischen Republik, besonders im Prager
Außenministerium, wird das Blatt mit Interesse wahrgenommen.
Sarah Hadry
Literatur:
Siehe auch:
Paul Hoser, Presse (20. Jahrhundert), in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44572> (25.11.2008)