
Abb. 1: Hochzeitspaar aus der Budweiser Sprachinsel, Budweis 1911 (BayHStA, SdA, Bildersammlung 77.713; Fotograf: Fotoatelier A. Wildt); Abb. 2: Familie aus Saborsch, Stritschitzer Sprachinsel, Budweis 1896 (Reproduktion nach einer Vorlage von Margarete Knof, Heimatortsbetreuerin für Stritschitz; Fotograf: Fotoatelier Robert Lauhans).
Sprachinseln Budweis & Stritschitz: Die Trachten
Beide Sprachinseln sind unmittelbar benachbart. Nicht selten wird Stritschitz sogar zur Budweiser Sprachinsel dazugezählt. Bei den Trachten lassen sich keine wesentlichen Unterschiede feststellen. In der Budweiser Gegend scheinen die Röcke jedoch häufiger plissiert gewesen zu sein als im Stritschitzer Gebiet. Auch die Tracht des zur Budweiser Sprachinsel gehörigen Dorfes Lodus weist eigenständige Merkmale auf.
Generell ähneln die Budweiser und Stritschitzer Trachten in der Form dem Typus der "Trachtengwandter" im Bayerischen Wald sowie in Österreich.
Die Budweiser Frauentracht
Das versteifte Mieder ist meist blumenbunt, seine Farbe nicht festgelegt. Es besteht aus Wolle- oder Seidenstoffen. Die beiden Vorderteile werden über Haken oder Ösen geschnürt. Der Leerraum vor der Brust wurde in der älteren Form möglicherweise mit einem Stecklatz geschlossen. Später benutzte man dafür ein um den Hals gebundenes, buntes Seidentuch mit Fransen.
Der Oberrock ("Kittel") ist im Unterschied zu den Trachten der Stritschitzer Gegend fein plissiert, seine Farbe variabel.
Die Seidenschürze war fast rocklang und mit Spitzen umrandet. Charakteristisch sind großzügige, mit Blumenmustern unterlegte Streifen. Die Schürzenbänder können vorne (ältere Form) oder am Rücken gebunden werden.
Die Bluse ("Pfoad") besteht aus feinem Leinen oder Baumwollstoff. Sie kann kurz- oder langärmelig sein und besitzt Schulterfleck und Unterachseleck. An Hals und Ärmeln weist sie eine kleine Spitze auf.
Besonders wichtig war das große schwarze Kopftuch mit bunten, schwarzen oder mit reicher Goldstickerei versehenen Ecken. Manche Kopftücher wurden bereits in der Weberei broschiert (d. h., Teile von Blumenmustern wurden extra eingewebt).
Die Frauen trugen weiße, handgestrickte Strümpfe und schwarze Schnallenschuhe.
Zu den Budweiser und Stritschitzer Trachten gehörten eng anliegende, knapp über die Hüfte reichende Jäckchen. Sie waren oft schwarz und aus Samt mit vorgearbeiteter, reichlicher Perlenverzierung. Das Innere der Spenzerjacken bestand aus starkem Leinenstoff und war teilweise auch mit Fischbein versteift. Auf Fütterung wurde in der Regel verzichtet.
Die Stritschitzer Frauentracht
Der Oberrock ("Kittel") wurde normalerweise glatt getragen. Es wurden Wollstoffe in ganz verschiedenen Farben dafür verwendet. Der häufig mindestens 3 m breite Rock wurde in der Taille mit tiefen Stehfalten versehen. In der äußeren rechten Falte befindet sich eingenäht der "Kittelsack".
Schürzen und Jacken: wie bei der Stadttracht.
Das Mieder war zumeist blumenbunt, aber mit unterschiedlichen Grundfarben. Durch die abgesteppten Schnurnähte erreicht das Mieder eine körperenge Fassung. Die Schnursteppungen konnten variabel sein. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Steppungen vereinfacht oder sogar weggelassen worden.
Die Frauenfesttracht aus Lodus
Das kleine Dorf Lodus ( Mladé) bei Budweis hob sich hinsichtlich der Trachtenform von den anderen Sprachinselorten ab. Vielleicht wollten die Loduser eigene Traditionen pflegen oder ihren Wohlstand betonen. Möglicherweise etablierte eine einfallsreiche Störschneiderin erfolgreich neue Formen.
Zum Miederleibl gehört ein Brustlatz aus Seide, den seitwärts mehrere große Knöpfe halten. Das Leibl wird unter dem aufgesetzten Latz geknöpft und besitzt keine Fischbeinversteifung. Es kann im Rückenteil am Oberrock angenäht sein. Vorne hingegen sollte es lose sein, weil die Schürze bis hin zu den Rockseiten unter dem Leibl getragen wird.
Die bunte Seidenschürze ist groß gemustert. Die Schürzenbänder werden auf dem Rücken gebunden.
Am Saum des Oberrocks wird ein etwa 8 cm breites Seidenband so aufgenäht, dass noch ungefähr 2 cm des Rocksaumes zu sehen sind.
Den Kopf schmückt bei festlichen Anlässen eine silber- oder golddurchwirkte Bodenhaube.
Angaben nach Olga Hartmetz-Sager, Passau, Autorin eines geplanten Buches mit dem Arbeitstitel: Unser Gwand. Die Frauentracht im Böhmerwald …, erforscht und aufgezeichnet von Olga Hartmetz-Sager.
Die Männertracht
Die wichtigsten Elemente der Budweiser Männertracht um 1900 waren:
Angaben nach: Sedlmeyer, Budweis, 1979, S. 427.
Zur Trachtenerneuerung
In beiden Sprachinseln wurde die oben beschriebene Tracht zum Zeitpunkt der Vertreibung nurmehr von der Großelterngeneration an Sonn- und Festtagen getragen. Zumindest aus Teilen der Stritschitzer Sprachinsel sind Initiativen zur Trachtenerneuerung bekannt: Die schweren langen Röcke wurden von der Dorfschneiderin in kürzere, weniger weite Exemplare umgenäht. An der geschnürten Miederform änderte sich wenig; zum Teil wurden Mieder und Rock nun verbunden. Mitunter wurden alte Schürzen zu Miedern umgearbeitet. Bei Blusen, Schürzen und Schultertüchern gab es keine wesentlichen Neuerungen.
Junge Sprachinsler in erneuerter Tracht führten 1940/42 eine "Bauernhochzeit" auf. Für die beteiligten Mädchen wurden neue, einheitlich grüne oder rote Röcke und schwarze Mieder genäht. Die jungen Männer trugen die Tracht ihrer Großväter. Seit den 1940er Jahren kam zudem immer stärker das im Vergleich zur Tracht bequemere, alpenländisch inspirierte Dirndlkleid in Mode.
Angaben nach Margarete Knof, Hösbach (Heimatortsbetreuerin für Stritschitz).
Die Tracht der Region Chotieschau-Kladrau
Die Bewohner der Industriestadt Pilsen trugen im späten 19. und
frühen 20. Jahrhundert keine Tracht mehr. Über mögliche ältere
Stadttrachten wurden bislang keine Beschreibungen publiziert. Schon in
den 1830er Jahren kamen Trachten offenbar nurmehr im Umland vor. Johann
G. Sommer, der Topograph Böhmens, berichtet 1838 über den Kreis Pilsen:
Eigenthümliche Trachten beim Landvolke haben sich in mehren Gegenden, sowohl bei den böhmischen als teutschen Bewohnern erhalten. Ziemlich allgemein herrschend sind beim weiblichen Geschlechte rothe Strümpfe, sonst aber unterscheiden sich die Trachten verschiedener Gegenden merklich voneinander.